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27.04.2026

Kreislaufwirtschaft als Schlüssel zur Klimaneutralität

Aktuelle Studie aus Sachsen-Anhalt zeigt: Potenzial der Kreislaufwirtschaft und des rohstofflichen Einsatzes
von Recyclingmaterial für die Erreichung der Klimaziele und Entwicklung des Wirtschaftsstandortes Deutschland

Das am 25. März 2026 durch Bundesumweltminister Carsten Schneider vorgestellte 67-Punkte Klimaschutzprogramm zur Erreichung der Klimaziele Deutschlands bis 2030 lässt trotz der Vielfalt der Maßnahmen eines der wesentlichsten Elemente zur Erfüllung dieser Ziele aus: die Kreislaufwirtschaft und deren enormes Potential.

© Bildnachweis: Canva/ dodidam10



Dieses bezieht sich im Wesentlichen auf vier Schwerpunkte:

• Reduzierung der CO2-Emissionen
• Substitution von karbonisierten Energieträgern
• Reduzierung der Rohstoffabhängigkeit von Drittmärkten
• Innovationspotential und Wachstumsmotor als Wirtschaftszweig mit tiefgreifender Wertschöpfungskette

Allein dieses Potential könnte bei konsequenter Umsetzung ohne größeren bürokratischen und finanziellen Aufwand die ausstehende Lücke des CO2-Reduzierungsbedarfs von derzeit ca. 25 Mill. Tonnen bis 2045 zur Erfüllung der Klimaziele schließen. Deutschland erzielt durch das Recycling und den Einsatz von Sekundärrohstoffen bereits heute jährlich eine Vermeidung von rund 60 Mio. Tonnen CO2. Der Statusbericht Kreislaufwirtschaft 2024 (bvse/BDSV) macht deutlich, dass Sekundärrohstoffe grundsätzlich jedem Primärrohstoff in Bezug auf den Klimaschutz überlegen sind, da ihre Herstellung weniger Energie erfordert. Rund 315.000 Beschäftigte in ca. 10.000 Unternehmen erwirtschaften in Deutschland dabei bereits heute eine erhebliche Wertschöpfung.

Die im Dezember 2024 vom Bundeskabinett verabschiedete Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) setzte das Ziel, den Primärrohstoffverbrauch pro Kopf bis 2045 zu halbieren (von aktuell über 16 Tonnen auf 6–8 Tonnen). Laut NKWS könnte ein integrierter Ansatz von Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft die Vermeidungskosten pro Tonne CO2 allein bei Stahl, Beton, Zement und Kunststoffen bis 2045 um 45 % senken.

Das Öko-Institut beziffert das zusätzlich erschließbare Klimaschutzpotenzial der Kreislaufwirtschaft auf bis zu 45,5 Mio. Tonnen CO2, davon rund 36,8 Mio. Tonnen durch prozess- und stoffstrombezogene Maßnahmen in den Handlungsfeldern Bau- und Wohnungswirtschaft, Konsumenten und Verbraucher sowie die Industrie. Die Kreislaufwirtschaft wird in der Treibhausgas- (THG) -Inventarisierung nach UN Klimarahmenkonvention von 1992 (UNFCCC) lediglich in der Quellkategorie 5 (Abfall und Sonstiges) geführt, wo nur direkte, nicht-energetische Emissionen gelistet werden. Die tatsächlichen Vermeidungsleistungen durch Substitution von Primärrohstoffen werden damit diesem Wirtschaftszweig in keinem Sektor systematisch angerechnet.

Eine gesetzliche Anerkennung der Kreislaufwirtschaft als produzierender Wirtschaftszweig hätte weitreichende Konsequenzen:

Statistische Erfassung: Die CO2-Vermeidungsleistung von 60+ Mio. Tonnen jährlich würde sichtbar und könnte den Sektoren Industrie, Bau und Energie gutgeschrieben werden.
Investitionsförderung: Zugang zu Industrieförderprogrammen, Klimaschutzverträgen und Sondervermögen der Bundesregierung (das Klimaschutzprogramm 2026 stellt 2,9 Mrd. Euro für Dekarbonisierung bereit).
Regulatorischer Gleichstand: Gleichstellung mit anderen produzierenden Branchen bei Energiepreisprivilegien und Emissionshandel.
Marktanreize: Stärkere Nachfrage nach Sekundärrohstoffen durch Bonus-Malus-Systeme und öffentliche Beschaffung.

Bundesminister Carsten Schneider betonte auf der Jahreskonferenz zur NKWS im Dezember 2025, dass Kreislaufwirtschaft Standortpolitik, Innovationspolitik und Industriepolitik zugleich sei. Die Anerkennung des Wirtschaftszweiges auf der Ebene der Produzierenden Unternehmen, als Konsequenz seiner Bedeutung und Potentiale für den Klimaschutz, bleiben bis heute aus, mit weitreichenden Folgen für die gesamte Branche und die deutsche Klimapolitik.

Die Analyse zeigt, dass die Förderung des rohstofflichen Einsatzes von Recyclingmaterial in Deutschland ein erhebliches, bisher nicht ausgeschöpftes Potenzial für Energieeinsparung und CO2-Reduktion bietet.

Die fünf untersuchten Maßnahmenkomplexe greifen ineinander und verstärken sich gegenseitig:

1. Regulatorische Vereinfachung des Abfall-zu-Produkt-Übergangs senkt Transaktionskosten und ermöglicht erst die Marktfähigkeit von Sekundärrohstoffen.
2. Verpflichtende Quoten schaffen Planungssicherheit und Nachfrage, die Investitionen in Recyclinginfrastruktur auslösen.
3. Export-Stopps erhöhen das inländische Angebot und ermöglichen sowohl stoffliche als auch energetische Verwertung als Substitut fossiler Importe.
4. Die gesetzliche Anerkennung als produzierender Wirtschaftszweig macht die Vermeidungsleistung sichtbar und löst zusätzliche Investitions- und Marktanreize aus.
5. Der kumulierte Effekt von 20–41 Mio. Tonnen CO2 pro Jahr könnte einen signifikanten Beitrag zur Schließung der Klimaschutzlücke Richtung 2040/2045 leisten.

Bei konsequenter Umsetzung aller genannten Maßnahmen ist eine zusätzliche CO2-Reduktion im Bereich von 20 bis 41 Mio. Tonnen pro Jahr realistisch. Dies entspricht 3–6 % der deutschen Gesamtemissionen (Stand 2024) und könnte bis zu einem Drittel der verbleibenden Lücke zum 2040-Ziel (−88 % ggü. 1990) schließen. Die Kreislaufwirtschaft ist damit ein unverzichtbarer, bisher unterschätzter Baustein auf dem Weg zur Klimaneutralität 2045.

Mit der Anerkennung der Kreislaufwirtschaft auf der Ebene der produzierenden Unternehmen könnten kurzfristig und ohne erheblichen finanziellen Aufwand ein umfangreiches Potential zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes Deutschland geschaffen werden.


Autor:
Prof. Dr.-Ing. Mike Kersten
Vorsitzender Sachverständigenausschuss
Ingenieurkammer Sachsen-Anhalt